Ethik von Anfang an: Karen Joisten über Chancen und Risiken der Digitalisierung
Die Philosophin Karen Joisten warb im Haus Katharina von Bora für ein Menschenbild, das den Menschen nicht auf Daten reduziert. Ethik gehöre von Beginn an in die Entwicklung digitaler Technik.
Am Donnerstagabend, 15. Oktober 2026, sprach Prof. Dr. Karen Joisten im Haus Katharina von Bora in der Marktstraße 7. Die Martinsgemeinde und der Kunstverein Rüsselsheim hatten zum Vortrag „Ethische Herausforderungen der Digitalisierung – Konkret, Kritisch, Konstruktiv“ eingeladen. Joisten lehrt an der RPTU Kaiserslautern-Landau und leitet dort das Fachgebiet Philosophie mit dem Schwerpunkt Ethik und Digitalisierung. Sie nahm Chancen und Risiken digitaler Technik in Gesundheit, Bildung und Kunst in den Blick.
Moral und Ethik
Joisten eröffnete den Vortrag mit einer Grafik, die ChatGPT erstellt hatte. Sie wollte damit zeigen, was KI heute leistet. Danach zog sie eine Linie: Moral steht für bestehende Wertesysteme. Ethik fragt kritisch nach, ob diese Systeme tragen.
Zwei Gesichter einer Technik
Digitale Technologien haben nach Joisten einen Dual-Use-Charakter. Dieselbe Drohne kann Menschen auf See retten oder als Waffe töten. In China messen EEG-Stirnbänder die Konzentration von Schülern. Auch Vorurteile können in Systeme einwandern. Der Algorithmus COMPAS schätzt die Rückfallquote von Straftätern. Seine Ergebnisse waren nicht besser als die Einschätzungen von Laien.
Körper und Leib
Zentral war für Joisten die Unterscheidung zwischen Körper und Leib. Der Körper ist objektiv und vermessbar. Der Leib ist das, was ein Mensch selbst spürt. Gesundheitsapps neigen dazu, den Menschen als bloßen Körper zu behandeln.
Dabei lobte sie den Nutzen der Technik. In der Pflege entlasten Spracherkennung, Sturzprävention und Service-Roboter. VR-Brillen brachten älteren Menschen Freude und Aktivierung. Brain-Computer-Interfaces, etwa von Neuralink, steuern Roboterarme per Gedanken. Für Menschen mit Lähmungen ist das eine große Chance. Zugleich eröffnet es Raum für Missbrauch.
Kritischer sah sie die Emotionserkennung. Ethikkommissionen erhalten dazu viele Anträge. Die Antragsteller sprechen eher von „Zuständen“ als von „Emotionen“. So umgehen sie regulatorische Grenzen. Das DFKI entwickelt „Lernwelten der Zukunft“. Eyetracking, Temperaturmessung und Sitzdruckanalyse erfassen dort das Lernverhalten. Eine solche Vermessung braucht nach Joisten ein kritisches Hinterfragen.
Kunst und die Erfahrung des Anderen
Im Schlussteil ging es um Kunst und Kreativität. KI kann Künstlern als Instrument dienen, etwa für Bildideen oder Ausstellungstexte. Die künstlerische Entscheidung soll beim Menschen bleiben. Werke wie das von Jason Allen werfen die Frage auf, was Kunst überhaupt ist.
Die digitale Welt setzt auf Ähnlichkeit. Empfehlungen zeigen uns, was uns ohnehin gefällt. So entstehen Echoblasen, die Differenzerfahrungen verdrängen. Joisten nannte ein Kind, das eine echte Biene wegwischen wollte, als Beispiel für diese Tendenz. Sie sieht darin eine Gefahr für Kreativität und Demokratie. Kunst, Kultur und Philosophie bieten dagegen Räume für das Andere und Widerständige.
Das Menschenbild entscheidet
Wie wir den Menschen sehen, bestimmt, wie wir ihn behandeln. Joisten plädierte für ein Menschenbild, das den ganzen Menschen meint. Sie warnte vor einer Verwahrlosung des Menschen, wenn er auf Daten schrumpft. Öffentliche Diskurse über den Einsatz von KI hält sie für notwendig.
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