Früher war Radio eine Welle. Heute ist Radio ein Datenstrom
Abschied ohne Wehmut - von Achim Weidner
Radio Rüsselsheim verabschiedet sich von UKW. Die Frequenz 90,9 MHz gehört damit der Vergangenheit an. Das Programm aber bleibt. Es ist über DAB+ und Internetstream weiterhin erreichbar – und kann damit weit über das bisherige UKW-Verbreitungsgebiet hinaus empfangen werden.
Das ist ein Abschied. Aber einer ohne Wehmut.
Denn wir verabschieden uns nicht vom Radio. Wir verabschieden uns von einer Übertragungstechnik.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte hinter dem Ende von UKW.
Radio Rüsselsheim hat dabei selbst eine bemerkenswerte Entwicklung hinter sich. Entstanden ist der Sender aus dem Kultursommer, der über viele Jahre das kulturelle Leben der Stadt geprägt hat. Aus einem zeitlich begrenzten Kulturprojekt für einen Sommer wurde über die Jahre eine lokale Institution.
Das ist mehr als eine Fußnote der Stadtgeschichte. Es zeigt, dass Institutionen entstehen können, wenn Menschen aus einer Idee etwas Dauerhaftes machen.
Radio Rüsselsheim wurde zu einem Teil der lokalen Öffentlichkeit. Es berichtete aus der Stadt, gab Menschen eine Stimme, begleitete Veranstaltungen und schuf einen eigenen medialen Blick auf Rüsselsheim.
Und nun verändert sich diese Institution erneut.
Diesmal nicht, weil ihr die Idee ausgeht, sondern weil sich ihre technische Grundlage verändert.
Radio war von Anfang an eine Technologie des Fortschritts. Es machte etwas möglich, das zuvor kaum vorstellbar war: Information konnte drahtlos über Entfernungen übertragen werden. Elektromagnetische Wellen wurden zum Träger von Sprache, Musik und Nachrichten. Eine Antenne nahm die Signale auf, der Empfänger wandelte sie um und der Lautsprecher machte daraus wieder hörbaren Schall.
Auch UKW war einst ein technologischer Fortschritt. Die Frequenzmodulation verbesserte die Klangqualität und reduzierte Störungen. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals eine technische Revolution.
Radio war deshalb nie an eine bestimmte Frequenz gebunden. Radio war immer an den technologischen Fortschritt gebunden.
Und doch war ausgerechnet UKW für ein Lokalradio mehr als nur eine von vielen Frequenzen. Die Frequenz war nicht nur der technische Übertragungsweg. Sie war zugleich die Grenze der Reichweite.
Radio Rüsselsheim war mit 90,9 MHz ein echtes Lokalradio. Die Verbreitung war räumlich begrenzt. Selbst innerhalb Rüsselsheims war der Empfang nicht überall gleich zuverlässig. Je nach Standort, Gebäude und Empfangssituation konnte die UKW-Qualität schwanken.
Die lokale Identität des Senders und seine technische Reichweite waren damit unmittelbar miteinander verbunden.
Jetzt verändert sich genau dieses Verhältnis.
Mit DAB+ wird Radio digital. Mit dem Internetstream wird es Teil eines weltweiten Datennetzes. Die Information wird nicht mehr zwingend über eine einzelne UKW-Frequenz zum Empfänger gebracht. Sie wird als digitaler Datenstrom übertragen.
Damit verändert sich auch die Bedeutung des Senders.
Früher musste man wissen, auf welcher Frequenz ein Programm sendet.
Heute muss man wissen, wo man es findet.
Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Tatsächlich verändert es die Logik der Medienverbreitung.
Die Frequenz war der Zugang zum Radio. Im digitalen Zeitalter wird daraus eine Adresse, eine Plattform, ein Stream.
Für Radio Rüsselsheim bedeutet das einen bemerkenswerten Perspektivwechsel: Das Programm bleibt lokal, seine technische Erreichbarkeit muss es nicht mehr sein.
Was aus Rüsselsheim kommt, kann heute auch außerhalb Rüsselsheims gehört werden. Das Lokalradio verliert damit eine technische Begrenzung, ohne seine lokale Aufgabe aufzugeben.
Und die Entwicklung endet nicht bei der Verbreitung.
Radio Rüsselsheim produziert heute nicht mehr ausschließlich Ton. Es entstehen Podcasts, Videos und digitale Aufzeichnungen. Gespräche werden transkribiert. Aus gesprochenen Worten werden durchsuchbare Texte. Lange Interviews, die früher nach ihrer Ausstrahlung weitgehend im Archiv verschwanden, können heute erschlossen, indexiert und wiedergefunden werden.
Das verändert den Charakter des Archivs.
Es ist nicht mehr nur ein Lager für alte Sendungen.
Es wird zu einem Wissensspeicher.
Ein Gespräch kann Jahre später nach Namen, Themen oder Aussagen durchsucht werden. Eine Passage kann wiedergefunden und für eine Nachricht verwendet werden. Aus einer alten Aufzeichnung kann ein neuer Podcast entstehen. Ein Video kann aus demselben Gespräch hervorgehen wie ein Audiobeitrag. Ein Transkript kann als Grundlage journalistischer Recherche dienen.
Aus einem Inhalt entstehen viele Inhalte.
Das ist vielleicht der wichtigste Unterschied zwischen dem Radio der analogen Welt und der digitalen Medienplattform.
Früher war die Sendung das Produkt.
Heute ist der produzierte Inhalt zugleich Rohstoff für weitere Inhalte.
Damit verschiebt sich die Rolle des Radios. Aus dem Sender wird zunehmend eine Medienplattform.
UKW lieferte eine begrenzte lokale Reichweite.
DAB+ erweitert die digitale terrestrische Verbreitung.
Das Internet ermöglicht prinzipiell weltweite Erreichbarkeit.
Das digitale Archiv schafft dauerhafte Verfügbarkeit.
Transkription macht gesprochene Inhalte maschinenlesbar.
Und künstliche Intelligenz eröffnet weitere Möglichkeiten, diese Inhalte zu erschließen, Zusammenhänge zu erkennen und vorhandenes Material neu nutzbar zu machen.
Die technische Entwicklung führt damit von der Welle zum Datenstrom – und vom Datenstrom zum Wissensbestand.
Das ist kein Bruch mit der Geschichte des Radios. Es ist ihre konsequente Fortsetzung.
Deshalb muss man UKW auch nicht schlechtreden. Im Gegenteil: UKW war erfolgreich. Es hat das Radio über Jahrzehnte geprägt und Millionen Menschen erreicht. Aber eine erfolgreiche Technologie wird nicht dadurch zukunftsfähig, dass man sie für immer festhält.
Man kann sich von einer erfolgreichen Technologie verabschieden, ohne ihre Leistung zu vergessen.
Vielleicht ist das sogar eine der wichtigsten Fähigkeiten im technologischen Wandel: das Neue nicht deshalb abzulehnen, weil das Alte funktioniert hat.
Radio Rüsselsheim verliert mit 90,9 MHz eine Frequenz.
Es gewinnt dafür neue Möglichkeiten.
Neue Übertragungswege. Neue Formate. Neue Reichweite. Neue Formen der Archivierung. Und möglicherweise eine völlig neue Bedeutung seiner eigenen Inhalte.
Der Kultursommer hat gezeigt, dass aus einer zeitlich begrenzten Idee eine dauerhafte Institution werden kann. Der Wechsel von UKW zu DAB+ und Stream zeigt, dass eine dauerhafte Institution sich auch technisch immer wieder neu erfinden kann.
Der Abschied von UKW ist deshalb kein Abschied vom Radio.
Es ist der Abschied von der Vorstellung, dass Radio an eine Frequenz gebunden sein muss.
90,9 MHz verstummt.
Radio Rüsselsheim nicht.
Früher war Radio eine Welle.
Heute ist Radio ein Datenstrom.
Und vielleicht beginnt genau dort seine nächste Geschichte.
So findet ihr Radio Rüsselsheim jetzt:
DAB+: [12c]
Livestream: radio-r.de
Achim Weidner ist Herausgeber von OPEL STADT NEWS und Produzent der Radiosendung Digitale Beats auf Radio Rüsselsheim - Das neuste aus Shenzhen und dem Silicon Valley und allem, was daszwischen liegt und Mitarbeiter im Leitungsteam von Radio Rüsselsheim